„HEILIG“ – Vergiss es!

„Heilige“ Personen, Orte, Zeiten, Gegenstände. Da gibt es so einiges, auf das man das Prädikat „heilig“ mittlerweile anwendet. Der Einfachheit halber konzentriere ich mich mal auf heilige Personen, denn zumindest da scheint die Sache relativ klar. „Heilige“ Personen oder einfach „Heilige“ sind offenbar solche Menschen, die durch einen außerordentlich frommen, gottwohlgefälligen, ethisch und moralisch untadeligen Lebenswandel auffällig geworden sind; und zwar derart auffällig, dass viele sie so dermaßen für ihre großartige Lebensführung und ihre frommen Leistungen bewundern, dass sie mit der Zeit das Prädikat „heilig“ zugesprochen bekamen – zuerst eher informell, später dann durch formale Heiligsprechungsverfahren der Kirche auch ganz offiziell.
Also kurz: „Heilig“ nennt man die „Heiligen“, weil sie im Feld der Religion großartig gelebt und Großartiges geleistet haben.

Nichts davon trifft allerdings auf die Gruppe von Personen zu, die so ziemlich am Anfang der Bibel und dann fortlaufend in den biblischen Geschichtsbüchern heilig genannt wird: das Volk Israel bzw. die Juden, also die Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs. Von denen sagt nämlich Mose, dass sie heilig sind, obwohl sie weder groß sind noch großartig waren, sondern ganz im Gegenteil:
„Du bist ein heiliges Volk … Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern.“ (5.Mose 7,6f.)
Vergessen wir also, wir bisher über „heilig“ zu wissen meinen. Wir müssen noch einmal ganz von vorne anfangen und darüber nachdenken, was „heilig sein“ eigentlich bedeutet und warum es nichts mit moralischer Großartigkeit oder religiöser Vorbildlichkeit zu tun hat.

HEILIG WERDEN – nicht so leicht
Ein Mann will den großen Heiligen nacheifern und geht daher ins Kloster, um Mönch zu werden. Der Orden, dem er beitritt, ist streng: Nur alle zehn Jahre darf man zwei Wörter sagen.
Nach den ersten zehn Jahren geht er zum Abt und sagt: “Bett hart!”
Zehn Jahre später geht er wieder zum Abt und sagt: “Essen schlecht!”
Nach dreißig Jahren geht er zum Abt und sagt: “Ich gehe!”
Da sagt der Abt: “Das wundert mich nicht! Seit du hier bist, habe ich dich nur rummeckern gehört.”

VOLLMACHT und AUTORITÄT haben und ausüben

In dem modernen Märchen “Der Herr der Ringe” wird der kleine Hobbit Frodo Beutlin auserwählt, inmitten einer Gruppe von Gefährten den Ring der Macht zu tragen, den der böse Herrscher Sauron in seine Gewalt bringen will. Der Halbling Frodo soll den zwielichtigen Ring allerdings nicht tragen, um selbst durch diesen Vollmacht und Autorität zu erlangen und auszuüben, sondern um ihn mit seinen Gefährten bis zu den Vulkanfluten Saurons zu tragen und dort zu vernichten. Denn für manche unter den Gefährten war mittlerweile überdeutlich geworden, dass die unheilvolle Art der Macht, die der Ring verleiht, letztlich nicht nur zur Zerstörung jeder Gemeinschaft, sondern auch zur Selbstzerstörung jedes Ringträgers führt.
Wie wir als Menschen Vollmacht und Autorität haben und ausüben können, ist eine Frage, die J.R.R. Tolkien, überzeugter Christ und praktizierender Katholik, in seine dreibändige Märchen-Trilogie in ganz unterschiedlichen Figuren und Nuancen hineingewoben hat.

Der scheinbar so starke Kämpfer Boromir meint, es sei für die Menschen von Mittelerde am besten, wenn er den Ring der Macht seinem Freund Frodo besser abnehmen würde, als dieser zu schwächeln droht. Boromir will lieber selbst mit dem Ring herrschen, merkt aber nicht, wie ihn seine Art des Herrschen-Wollens bereits innerhalb der Gemeinschaft der Freunde brutal und unbarmherzig werden lässt.
Ganz anders die Elbenkönigin Galadriel. Sie nutzt all ihre Autorität, nicht um den Ring und die mit ihm mögliche Vollmacht für sich selbst zu gewinnen, sondern sie tut alles, was in ihrer Macht steht, um Frodo und die Gefährten zu unterstützen und ihnen zu dienen, damit das Abenteuer für alle ein gutes Ende nimmt.
Dass man so wie Galadriel Macht und Autorität ausüben müsste, darüber unterhielten sich die Freunde und Märchenautoren J.R.R Tolkien und C.S. Lewis beim Biertrinken und gegenseiten Vorlesen ihrer gerade entstehenden Geschichten im Oxforder Pub “Eagle an Child”. Denn so hatten sie das selbst von Jesus gelernt, der sagte: “Wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener; und wer unter euch der Erste sein will, der sei euer Knecht, so wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele.” (Matthäus 20,26-28)

PRÄSIDENTEN-AUTORITÄT
Während einer internationalen Konferenz fragt der amerikanische Präsident seinen israelischen Kollegen:
“Wie viele Einwohner hat Israel eigentlich?”
Der israelische Präsident:
“Ungefähr 7 Millionen.”
Darauf der amerikanische Präsident:
“Da haben Sie es wirklich leicht. Aber ich? Ich bin Präsident von 300 Millionen Einwohnern.”
Darauf der israelische Präsident:
“Sie irren: Ich bin allein, habe aber ungefähr 7 Millionen Präsidenten!”

AUSSTEIGER und ZURÜCKBLEIBER

AUSSTEIGEN: schön für den, der aussteigt

War er wirklich fasziniert von Jesus? Oder war Petrus einfach nur angewidert und gelangweilt? Hatte es satt: dieses tägliche Einerlei, nachts oder frühmorgens aufstehen und Fischen gehen, dann immer wieder die Netze flicken und sauber machen. Und dann auch noch das familiäre Einerlei, die nervigen Kinder vielleicht und die lästigen Schwiegereltern in der Großfamilie im Dorf.
Vielleicht war die Begegnung mit Jesus für Petrus und seine Kollegen einfach DIE Gelegenheit, aus diesem Alltagstrott auszusteigen und ihr Leben als Studenten von Rabbi Jesus auf einem ganz anderen Niveau zu gestalten.

AUSSTEIGEN: Und was ist mit denen, die zurückbleiben?

Bis zum EXIT aus ihrem bisherigen Leben hatten Petrus und seine Kollegen immerhin für den Lebensunterhalt mehrerer Familien gesorgt. Und was wurde dann aus denen, als er und die anderen als Studenten von Professor Jesus sich davon machten?
Was ist eigentlich mit den Ehepartnern, Kindern oder anderen Familienangehörigen, wenn jemand ein Opfer für Gott bringt und sich für seinen Glauben mit Zeit und Geld investiert? Meist betrifft so eine Entscheidung ja immer auch andere.
Ob Gott sich wohl auch um die kümmert, von denen in diesen Geschichten von Jesus und den Aposteln kaum die Rede ist? Fallen die einfach hinten runter oder behält Gott die auch im Blick, selbst wenn die Geschichtenschreiber und Geschichtenleser sie leicht aus dem Blick verlieren?

AUF GANZ ANDEREM NIVEAU
Ein Student zum Professor:
“Herr Professor, Ihre letzte Vorlesung hat mich völlig verwirrt. Haben Sie nicht eine weiterführende Literaturempfehlung für mich?”
Der Professor denkt kurz nach, dann nennt er einige Bücher.
Einige Wochen später treffen sich die beiden wieder.
Der Professor:
“Nun, sind Sie immer noch so verwirrt?”
“Ehrlich gesagt: Ja – aber auf einem ganz anderen Niveau.”

Von IDOLEN lernen

Die Welt ist voller Idole. Für jeden Lebensbereich gibt es die ganz Großen, die man für ihre Höchstleistungen bewundert und verehrt: im Fußball die Weltmeister, in der Politik die Friedensnobelpreisträger, in der Wissenschaft die Pioniere.
Dabei kennt man von solchen Idolen ja oft nur Ausschnitte ihres Lebens und Wirkens, die Seiten, die beeindruckend wirken und glänzen. Da denkt es sich dann leicht: “So würde ich auch gerne sein! So würde ich auch gerne Bücher schreiben!”

Aber wenn man genauer hinschaut, dann erkennt man: So ein Spitzenleistungslebensstil der hat auch seinen Preis: hartes Training, eine auf Hochleistung disziplinierte Lebensführung, fokussierter und wohlüberlegter Umgang mit der eigenen Zeit und Lebensenergie. Und wenn ich mir das dann genauer überlege, dann merke ich: So würde ich vielleicht dann doch nicht leben wollen. Dafür müsste ich ganz viel aufgeben, woran ich jetzt noch hänge.
Aber. Jetzt stell Dir mal vor, Du würdest einer dieser Lichtgestalten auf dem Feld Deiner Begeisterung persönlich begegnen und diese Person würde Dich einladen, mit ihr als Coach zu leben und von ihr zu lernen. Würdest Du das Angebot annehmen, auch wenn es von Dir verlangen würde, Dein bisheriges Leben dafür aufzugeben?
Als Petrus eines Morgens Jesus begegnete, da machte Jesus ihm dieses Angebot: “Komm mit! Du kannst ganz nahe bei mir leben und von mir lernen.”
Doch warum sollte sich Petrus darauf einlassen? Er war Ehemann, kein Single; Fischer, kein Prophet.
Es ist eines, ein Idol aus der Ferne zu bewundern und zu verehren. Es ist etwas ganz anderes, sich ganz nah auf so eine Person einzulassen und von ihr zu lernen.
Jesus fragt auch mich in der Stille immer wieder, ob ich ganz nah mit ihm leben und von ihm lernen will.
WOHLTÄTIGKEIT
Ein wegen seiner Bescheidenheit berühmter Rabbi verteilte zwar regelmäßig großzügige Wohltätigkeiten an die Armen der Gemeinde, besaß aber selber so wenig Geld, dass er sich noch nicht einmal Bücher kaufen konnte. Da er gerne und viel las, musste er sich die Bücher immer ausleihen.
Eines Tages fragt ihn einer seiner Söhne:
“Vater, du verteilst doch jede Woche viel Geld für wohltätige Zwecke. Warum behältst du nicht zumindest so viel für dich, dass du dir wenigstens deine Bücher kaufen kannst?”
“Das kann ich dir leicht erklären: Bücher kann man sich ausleihen, Wohltätigkeit aber nicht.”

Kleine und große GLÜCKSMOMENTE

Neben den vielen kleinen Momenten des Glücks in unserem Alltag wie der genussvollen Tasse Kaffee am Morgen oder dem aufmunternden Wort zwischendurch gibt es zum Glück auch immer wieder mal ganz große Glücksmomente: der besondere Erfolg bei der Abschlussprüfung, die Begegnung mit der Frau oder dem Mann des Lebens, die einmalige Chance auf eine vielversprechende Lebensveränderung …
Auch wenn die kleinen Glücksmomente nicht so großartig daherkommen, haben sie doch das Großartige an sich, dass sie immer wieder und auch dauerhaft – quasi als beständige Glücksbegleiter – mein Leben aufhellen können. Und wenn ich solche “Glücksbringer” wie die wohltuende Zeit der Meditation oder eine Sportsession dann noch in meinen Alltag einplane, dann bleibt solches Lebensglück auch noch nicht einmal allein dem Zufall überlassen.
Bei den großen Glücksmomenten ist das offenbar etwas anders: Bereits während ich so einen großen Glücksmoment erlebe, ist mir klar, dass das vermutlich ein einmaliges Ereignis ist, eine unglaubliche Erfahrung, die in der Form so nie wiederkehren wird.
Dass solche besonderen Glücksmomente einmalig bleiben, liegt vermutlich nicht nur daran, dass sie besonders intensiv sind, sondern auch an einer eigentümlichen Struktur dieser Momente. In solchen besonderen Glücksmomenten leuchtet etwas in meinem Leben auf, das über mein momentanes Leben hinausweist. Mir wird deutlich, wie viel mehr in meinem Leben möglich und erfahrbar wäre, wenn …
Ja, wenn was?
Wenn, ja, wenn ich bereit wäre, diesen Hinweisen des Glücks zu folgen, und wenn ich bereit wäre, mich zu verändern, um noch weitere, dann aber andere Glückserfahrungen auf meinem Lebensweg zu sammeln.
Dann verstehe ich nämlich auch, dass sich die großen Glückserfahrungen nicht einfach wiederholen können, weil ich mich mit ihnen weiterentwickle, so wie sich das Glück des erfolgreichen Schulabschlusses eben nur einmal erleben lässt, weil mein Weg dann weitergeht. Die nächsten großen Glücksmomente werden dann ganz andere sein.
So hat es wohl auch Petrus erlebt: Noch während er durch die Begegnung mit Jesus das Glück seines vermutlich größten Fischfangs erlebt, wird ihm zugleich deutlich, dass er dieses Glück nicht noch einmal erleben wird, weil er danach nie wieder derselbe Fischer sein wird, der er bis dahin war. Petrus wird sich weiterentwickeln . Und so wird sich auch der Charakter der Glückserfahrungen weiterentwickeln, die ihm in Zukunft geschenkt werden (Lukas 5,10).
Nur wer sich als Mensch nicht weiterentwickeln will, der hält auch an den alten Formen des Glücks fest und erwartet die immer gleichen Glückserfahrungen; meint vielleicht sogar, er sei vom GLÜCK ABGESCHNITTEN, nur weil es ihm nicht wieder in exakt derselben Form begegnet wie zuvor.

GLÜCK ABGESCHNITTEN
Goldberg und Rubinstein, zwei alte Freunde, treffen sich zufällig auf der Straße:
“Ich bin im Augenblick wirklich sehr deprimiert. Stell dir vor: Vor zwei Wochen habe ich 1 Million Dollar geerbt, und vor einer Woche habe ich sogar 2 Millionen Dollar in der Lotterie gewonnen – aber seit dieser Woche ist mein Glück einfach wie ABGESCHNITTEN!”

MUSS MAN NICHT VERSTEHEN

Mit den so genannten “Heiligen” oder anderen Persönlichkeiten, die von Gläubigen oder religiösen Menschen verehrt werden, ist das schon eine komische Sache: Viele Leute glauben an sie, verehren sie, beten sie vielleicht sogar an, obwohl sie gleichzeitig den Eindruck haben, dass vieles, was diese “Heiligen” über das Leben sagen, nur in einer religiösen Wunsch- oder Traumwelt funktioniert, aber kaum für unser ganz normales, alltägliches Leben taugt.
Während man selbst zum Beispiel den Eindruck hat, sich mit voller Kraft für den eigenen beruflichen Erfolg oder das persönliche Vorwärtskommen einsetzen zu müssen, predigen die “Gurus” stattdessen Achtsamkeit, Geduld und Gelassenheit. Während man selbst weiß, dass man dem Gegner jetzt mal ordentlich zeigen sollte, wer hier der Stärkere ist, und dass man sich nicht alles bieten lässt, empfehlen sie Vergebung und Feindesliebe.
Und auch in den ganz pragmatischen Dingen des beruflichen Alltags haben sie mitunter seltsame Vorstellungen: Als Petrus und seine Fischer-Kollegen einmal nach einer erfolglos durchfischten Nacht mit leeren Netzen zurückkehrten, da treffen sie am Ufer auf Jesus, der als Zimmermann vom Fischen vermutlich genauso viel Ahnung hat wie ich als Pfarrer. Und prompt rät ihnen Jesus, es noch einmal zu versuchen, obwohl doch jeder weiß, dass die Chancen auf einen guten Fang am helllichten Tag noch viel schlechter stehen (Lukas 5,4f.).
MUSS MAN AUCH NICHT VERSTEHEN
Interessant ist nur, dass es so komisch wirkende Typen wie Jesus nicht nur im Bereich der Religion und des Glaubens gibt, sondern offenbar auch in anderen Lebensbereichen wie der Kultur oder den Naturwissenschaften.
Ob die Bewunderung, die diesen Persönlichkeiten dann irgendwann entgegengebracht wird, etwas damit zu tun hat, dass im Laufe der Zeit doch immer mehr Menschen begreifen, dass diese etwas spinnert wirkenden Genies doch mehr vom Leben und von der Welt verstehen, als man ihnen zunächst zugetraut hat?

VEREHRUNG
Albert Einstein und Charlie Chaplin unterhalten sich.
Einstein zu Chaplin:
“Was ich an Ihrer Kunst am meisten bewundere, ist ihre Internationalität. Die ganze Welt versteht Sie!”
“Das stimmt”, sagt Chaplin zu Einstein, “und trotzdem ist Ihr Ruhm noch außergewöhnlicher als der meine, denn die ganze Welt verehrt Sie, obwohl Sie keiner versteht!”

KLEINKARIERT!

Ich bin so kleinkariert!
Das fällt mir leider immer wieder auf:
– Da habe ich neun schlechte Erfahrungen gemacht und erwarte natürlich, dass es bei der zehnten und elften auch nicht besser wird.
– Da habe ich lange genug Konfliktgespräche gehabt. Und jetzt will noch jemand ein Gespräch mit mir. Bestimmt auch wieder nur, um seinen Frust bei mir abzulassen.
– Da ist das Leben ziemlich langweilig geworden. Alles irgendwie erwartbar und vorhersehbar. Jeden Tag dieselben Abläufe, das tägliche Einerlei der Arbeit. Nichts Neues zu erwarten.
Doch dann passierte es.
Wir saßen Mitte Januar beim Abendessen.
Das Telefon klingelte.
Ob ich für ein Jahr in die USA gehen wolle, fragte eine Stimme von der anderen Seite des Atlantiks – nach Princeton: die Top-Adresse für theologische Forschungsarbeit weltweit. Es würde auch ein Stipendium dafür geben.
Der einzige Haken:
Ich müsste es jetzt gleich entscheiden, weil alle Fristen wegen der September-Anschläge in New York und dem nachfolgenden Chaos schon längst weit überschritten waren. Alles müsste sofort organisiert werden, damit es überhaupt noch funktionieren würde.
Aber – dachte ich bei mir – so geht das doch nicht.
Was wird schließlich aus meiner Ehe? Was wird aus unserer Wohnung? Wie soll das überhaupt so spontan mit all den Vorbereitungen, Formularen und Genehmigungen jetzt noch klappen? Wie stellt der sich das überhaupt vor?
Da ist sie also: die Mega-Chance meines Lebens.
Und ich zögere.
Da zeigt mir Gott eine offene Tür, seine Möglichkeiten für mein Leben.
Und ich muss mir eingestehen:
Ich habe bisher viel zu wenig mit Gott gerechnet, viel zu wenig von Gott erwartet.
Ob das Petrus auch so ging? Als er an diesem einen Morgen Jesus traf, gleich darauf den Mega-Fischfang ins Boot holte und vor Schreck ausrief: “Ich bin ein KLEINKARIERTER Mensch!” (Lukas 15,8; wörtl.: “sündiger Mensch”).
Wenn ich acht Monate hinter mir habe, in denen Gott nichts von sich hat hören lassen, muss es dann so weitergehen? Wenn ich neun schlechte Erfahrungen gemacht habe, muss dann die zehnte auch …?

NEUN SCHLECHTE ERFAHRUNGEN
Der Patient liegt auf dem Operationstisch und fragt: “Wird die Operation gelingen?”
Der Arzt: “Nun, bei zehn Operationen kommt einer durch.”
“Ist das nicht eine sehr geringe Chance?”
“In Ihrem Falle nicht. Sie sind der Zehnte, und die neun vor Ihnen haben bereits die schlechte Erfahrung gemacht.”

“KEINE AHNUNG, wo es hingeht!”

Fußgönheim / Schauernheim: Predigtersatzstoff:
In normalen Unternehmen und Betrieben ist es ja in der Regel so, dass es da eine Geschäftsführung oder einen Vorstand gibt. Die legen dann zur Orientierung notwendige Unternehmensziele und Richtlinien fest und geben der Belegschaft entsprechende Strategien und Konzepte an die Hand.
Beim Unternehmen Kirche – denkt man sich – müsste das die Kirchenleitung auf landeskirchlicher Ebene oder ein Kirchenvorstand auf lokaler Ebene doch ähnlich machen. Wenn zum Beispiel Mitgliedschaftsstatistiken und Finanzprognosen erarbeitet und veröffentlicht werden, dann müssten Leitungsgremien doch möglichst zügig mit passenden Konzepten aufwarten.
Nur, mit der Kirche hat das einen Haken: Während jedes normal-menschliche Unternehmen seine Richtungs- und Handlungsvorgaben von einer irdischen Eigentümer- oder Vorstandschaft bekommt, handelt es sich bei der Kirche ja um ein in wesentlichen Aspekten eher unnormal-göttliches Unternehmen, insofern Kirche Gott selbst gehört. Und da Gott als der gute Hirte (Psalm 23,1) ein guter Hirte nicht nur für jeden einzelnen Glaubenden, sondern auch der gute Hirte und Herr für seine ganze Kirche ist, darum sollte Gott bei Richtungs- und Grundsatzentscheidungen auch selbst immer ein Wörtchen mitreden können.
Das hat auf der Ebene persönlichen Glaubens und privater Lebensführung, aber auch auf der Ebene professionellen Leitungshandelns im Unternehmen Kirche zwei ganz konkrete Konsequenzen:
1. Wenn kluge und hilfreiche Einsichten vor allem von Gott kommen, der den Gesamtüberblick über mein persönliches Leben und eine Gesamtperspektive für das Unternehmen Kirche hat, dann muss und kann ich es besser ertragen, wenn mir dieser Gesamtdurchblick hin und wieder noch fehlt und ein nur schrittweises Vorantasten auf dem manchmal etwas ungewissen Weg möglich ist. Das muss mich dann aber nicht beunruhigen, sondern liegt einfach in der Natur der Sache, dass wir weder die Kompetenz des Hirten haben noch seine Arbeit leisten müssen.
2. Wenn kluge und hilfreiche Einsichten vor allem von Gott kommen, der den Gesamtüberblick über mein persönliches Leben und eine Gesamtperspektive für das Unternehmen Kirche hat, dann sollte es immer wieder Zeiten und Formen persönlichen und gemeinschaftlichen Wartens und Hörens auf Gott geben, durch die wir vernehmen, was der gute Hirte bzw. die Dreieinigkeit als Vorstandsgremium ihrem Bodenpersonal mitteilen will, wenn es um persönliche Lebens- oder kirchliche Unternehmensführung geht.
Mit “Vitale Gemeinde” hat die anglikanische Kirche übrigens ein hilfreiches Konzept für kirchenleitendes Handeln erarbeitet, welches auch das Hinhören auf Gott bei der Erarbeitung von langfristigen Perspektiven einbezieht. Viele Kirchenvorstände und Presbyterien haben damit bereits gute Erfahrungen gemacht. Und wer sich dafür interessiert, kann sich im hier verlinkten TheoLogo-Tutorial einen exemplarischen Einblick verschaffen:

FINANZIELLE HERAUSFORDERUNGEN
Gespräch zwischen zwei alten Freunden:
“Meine Schulden ruinieren mich!”
“Dann heirate doch reich!”
“Unsinn, wenn meine Gläubiger Geld brauche, sollen sie doch gefälligst selbst heiraten!”

VORBILDLICH, aber nicht REALISTISCH

Das hört sich ja immer ganz VORBILDLICH an, wenn so herausragende Vorbilder wie Jesus oder Josef ihren feindseligen Widersachern oder gemeinen Brüdern vergeben und sich ihnen wieder zuwenden. Das ist aber doch wohl kaum REALISTISCH für uns heute, dass wir das auch so machen könnten. Denn von Jesus sagt man immerhin, dass er der Sohn Gottes sei. Und wie kann ich als ganz normaler Mensch erreichen, was nur der Sohn Gottes tun konnte? Und Josef, der später als Vizekönig seinen Brüdern verzeiht, obwohl sie ihn damals in die Sklaverei verkauft hatten … Wer weiß, ob das wirklich so passiert ist und nicht einfach nur eine schöne Erzählung, die sich ein paar Theologen ausgedacht haben, um uns einfachen Leuten vorzuhalten, dass wir immer schön nett und vergebungsbereit sein sollen?
Aber so kommt man im Leben doch nicht weiter.
Also noch einmal von vorn: Wenn das ganze Gerede von “Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.” (Römer 12,17) irgendeine Bedeutung haben soll, dann müsste sowas doch ganz realistisch heute für unsere Zeit taugen. Und wenn ich mir selbst hier so eine aktualisierte “Versöhnen-nicht-Vergelten!”-Geschichte ausdenken sollte, dann müsste aus dem Vizekönig des antiken Ägyptens vielleicht der Präsident eines modernen Staates werden. Und dann merkt man ganz schnell, wie unrealistisch so etwas klingt:

URIN statt WASSER
Dieser moderne Präsident bat eines Tages einige Leute von seiner Leibgarde, mit ihm durch die Stadt zu spazieren und in einem der Restaurants Mittag zu essen. So saßen sie in einem Restaurant in der Innenstadt und alle bestellten sich etwas zu Essen.
Als der Kellner nach einer Weile das Essen brachte, fiel dem Präsidenten auf, dass jemand gegenüber von seinem Tisch saß und auf sein Essen wartete.
Zu einem der Soldaten sagte er: “Geh und bitte diese Person, sich zu uns zu setzen und mit uns zu essen.”
Der Soldat ging hin und lud den Mann ein. So brachte der Mann sein Essen, setzte sich neben den Präsidenten und begann zu essen. Die ganze Zeit aber zitterten die Hände des Mannes, bis alle mit dem Essen fertig waren und er wieder davonging.
Da sagte einer der Soldaten zum Präsidenten: “Der Mann war offenbar ziemlich krank. Seine Hände zitterten, als er aß!”
“Nein, überhaupt nicht,” sagte der Präsident. “Dieser Mann war der Wächter des Gefängnisses, in dem ich eingesperrt war. Oftmals habe ich nach einer Folter, der ich unterzogen wurde, geschrien und um etwas Wasser gebeten. Derselbe Mann kam dann jedes Mal, urinierte aber stattdessen auf meinen Kopf. – Und so war er wohl erschrocken, zitterte, und erwartete, dass ich ihm jetzt auf dieselbe Weise heimzahlen würde, entweder indem ich ihn foltern lasse oder ihn einsperre, jetzt da ich Präsident bin. Aber das ist weder mein Charakter noch Teil meiner Ethik. Die Mentalität der Vergeltung zerstört Staaten, während die Mentalität der Toleranz Nationen aufbaut.”
So richtig krass ist jetzt eigentlich nur, dass ich mir diese Episode gar nicht selbst ausgedacht habe, sondern sie eine wahre Geschichte von Nelson Mandela ist.

GOTT MACHT MIST

Es gibt einfach zu viel Unrecht, dass einfach so geschieht, ohne dass jemand etwas dagegen unternimmt. Es gibt einfach zu viel Feindseligkeit, gegen die auch Gott nichts unternimmt. Es passiert einfach zu viel MIST, den Gott einfach so geschehen lässt. Und dann ist doch letztlich Gott selbst für diesen MIST verantwortlich, weil er nichts dagegen unternommen hat.

Und zu diesem Phänomen kann bestimmt jeder von uns eine eigene Geschichte beisteuern – aus dem Beruf, der Kirchengemeinde, dem Verein oder der Familie. Die berühmteste dieser “Gott lässt einfach zu viel Mist zu”-Geschichten ist sicher die von Josef und seinen Brüdern: Da lässt Gott es ja auch zu, dass Josef von seinen Brüdern in die Sklaverei nach Ägypten verkauft wird. Und dort geht es dann erst so richtig bergab mit ihm. Irgendwann erst, da bessert sich seine Lage ein wenig. Und erst noch viel später, da gelingt Josef mit ganz viel Glück der Aufstieg – zuletzt sogar bis zum Vizekönig von Ägypten, so dass er mithelfen kann, das Land in einer Hungersnot zu versorgen.
Aber dann. Dann trifft Josef ganz unerwartet seine Brüder wieder. Der Tag der Rache ist da. Doch Josef lässt seine Gelegenheit zur Rache, wie er sie jetzt als Vizekönig gar nicht besser haben könnte, völlig ungenutzt. Stattdessen versöhnt er sich mit seinen Brüdern. Wie blöd kann man eigentlich sein?
Dabei muss doch jedem klar sein, dass die Worte, die der Apostel Paulus viele Jahrhunderte später schrieb, in der Theorie zwar schön fromm klingen, aber niemals für die Praxis taugen können: “Nehmt keine Rache, holt euch nicht selbst euer Recht, meine Lieben, sondern überlasst das Gericht Gott.” (Römer 12,19)
Denn was Paulus da vorschlägt, das wirkt ja wirklich völlig weltfremd.
Es sei denn, man hat persönlich erlebt und erfahren, was Josef erlebt und erfahren hat, so dass dieser zu seinen Brüdern rückblickend ganz ehrlich sagen konnte: “Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.” (1.Mose 50,20f.)
Kurz zusammengefasst: GOTT MACHT aus MIST Dünger.
Das kann man aber vermutlich nur sehen und erfahren, wenn man sich mit seiner eigenen Rache Gott nicht vorschnell in den Weg stellt, sondern sich erstmal zurücknimmt und Gott seinen MIST-ZU-DÜNGER-Job machen lässt.

MIST SEHEN
Cohn will sich eine neue Brille kaufen.
Der Optiker: “Ich empfehle Ihnen dieses Modell. Die Brille ist zwar etwas teurer, aber damit können Sie die Menschen so sehen, wie sie wirklich sind.”
Nach einer Woche ist Cohn wieder beim Optiker.
“Es tut mir leid, aber ich will die Brille umtauschen: Es lohnt sich nicht.”

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