MonatMai 2020

SPIRITUOSEN, keine VIRTUOSEN

Pfingstpredigt-Ersatzstoff: Jeder von uns hat sie sicher schon einmal begeistert erlebt: die Vorstellung eines virtuosen Künstlers, Musikers oder Sportlers. Da sind Leute, die haben ihre Kunst so weit perfektioniert und liefern eine solch kraftvolle Performance ab, dass einem als Zuschauer vor Ergriffenheit der Atem stockt. Auch beim allerersten Pfingstfest in Jerusalem stockte den Zuschauern der Atem – vielen allerdings weniger vor Begeisterung, sondern eher vor Entsetzen und Ratlosigkeit. Denn als sie die Jünger und Jüngerinnen Jesu beobachteten, wie sie da aus ihrer Zurückgezogenheit und Mutlosigkeit heraustraten und zu predigen und von Gottes Wundertaten zu erzählen begannen, da wirkten diese auf sie eher besoffen als virtuos. Etliche machten sich lustig und meinten: “Die Leute sind doch betrunken!” (Apostelgeschichte 2,13).
Das Geheimnis, zu dem uns das Pfingstfest immer wieder einlädt, lässt sich vielleicht folgendermaßen skizzieren: An Pfingsten wird deutlich, dass Gott seine Segensgeschichte nicht (nur) mit ein paar wenigen, professionell arbeitenden VIRTUOSEN schreibt, die eine atemberaubend perfekte Performance abliefern, sondern mit allen amateurhaft und mitunter auch betrunken wirkenden SPIRITUOSEN, die sich von Gottes Geist bewegen lassen.
Wenn man sich nun von Gottes Geist – nicht nur an Pfingsten – erfüllen und begeistern lässt und so in diesem ganz neuen Sinn zum “Spirituosen” wird (vom lateinischen “spiritus”: “Geist”), dann kann es passieren, dass man sich dabei auch zu Handlungen und Vorstellungen hinreißen lässt, die man aus eigener Kraft oder aus eigenem Mut sich niemals zugetraut hätte. Und dann stellt man sich am besten gleich auch darauf ein, dass dies auf andere nicht nur unvollkommen, sondern auch beschwipst wirken könnte.

Hiermit wird also der pfingstliche Vorschlag unterbreitet, die Verwendung des Wortes “Spirituose” um eine neue Bedeutung zu erweitern, um auf seine spirituelle Dimension hinzuweisen. Wobei das jetzt nicht heißen soll, dass man die Bedeutung und Wirkweise der anderen Spirituosen im gleichen Zuge verachten müsste. Denn schon der kürzeste aller mir bekannten Musiker-Witze weist darauf hin, dass der Weg für viele später einmal virtuos-spirituos wirkende Künstler über die traditionellen Spirituosen führte:

Der kürzeste Musiker-Witz
Gehen zwei Gitarristen an einer Kneipe VORBEI …

Noch nie (Johannes Hartl), Kanon in D (Pachelbel), Cover (LightBand). Pfarrgarten Fußgönheim

Pfingsten 2020: Trotz zunehmender Corona-Lockerungen werden viele Veranstaltungs- und Kontaktbeschränkungen noch über den Sommer bestehen bleiben. Ob ich in Zeiten der Einsamkeit dann immer gleich auch „allein“ sein muss? Oder gibt es vielleicht Formen von Gemeinschaft, die ich mit und durch „Begeisterung“ erleben kann? Das Pfingstfest erinnert daran, dass Gott uns durch seinen Geist auch zum STILLEN BEGLEITER und zum FREUND IN MIR geworden ist. Als „Gottesdienstersatzstoff“ kommt daher dieser Sommer-Cover-Song der LightBand zum Pfingstwochenende, den wir extra für Euch in dieser Woche produziert haben.

Der WEG des GEISTES GOTTES

Mit Gott unterwegs zu sein und von seinem Geist geführt zu werden, das bedeutet nicht selten auch, Opfer zu bringen, Dinge, die einem lieb geworden sind, aufzugeben, um Neues zu empfangen, Neues zu lernen, auch wenn es anstrengend ist (z.B. Griechisch und Hebräisch fürs Theologiestudium). Immer wieder wird man vermutlich auch erleben, dass einem Türen vor der Nase zugeschlagen werden, von denen einem doch vorher gesagt worden war, dass sie für einen offen stehen würden. Zum Glück lässt Gott sich nicht lumpen und öffnet auch immer wieder neue Türen, wo man zunächst gar keine vermutete. Und nicht selten führt Gott zunächst HINAB durch Wüstenwege und Durststrecken hindurch, bevor es – manchmal auf wunderbare Weise – wieder HINAUF geht zu pfingstlichen Erfahrungen oder paradieshaften Personen und Orten.

Mein Paradies habe ich vorerst gefunden hier in der Pfalz, wo ich diese Zeilen schreibe. Ist fast wie der HIMMEL auf Erden – nur der Weg zum Ostseestrand, der ist ein bisschen weit …

Wohnen im HIMMEL – Geschäft auf der ERDE
David geht mit seinem Vater spazieren. Als die beiden an einer evangelischen Kirche vorbeikommen, fragt David seinen Vater:
„Papa, ist das auch eine Synagoge?“
Der Vater:
„So was ähnliches: eine christliche Kirche, also auch ein Gotteshaus.“
David:
„Aber wieso ‚Gotteshaus‘?“
„Nun, so wie in der Synagoge wohnt auch hier der liebe Gott.“
David, zweifelnd:
„Aber der Rabbi hat gelehrt, dass Gott im HIMMEL wohnt!?“
„Das stimmt auch, aber sein GESCHÄFT, das hat er hier unten auf der Erde.“

Petrus: „Jesus von Nazaret wurde von Gott bestätigt durch die machtvollen und Staunen erregenden Wunder, die Gott durch ihn unter euch vollbracht hat; ihr wisst es selbst.“ (Apostelgeschichte 2,22)

Was machst Du hier?

Ich war auf dem Bauingenieursweg in Lübeck, als mir in stillen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr wie eine innere Stimme Gottes Frage an mich begegnete: „Was machst Du hier? Willst Du nicht einen neuen Weg beschreiten und Theologie studieren?“

Aber das wollte ich – wenn überhaupt – dann nur bedingt. Denn ich liebte mein Leben in Lübeck mit meiner schönen Wohnung auf der Altstadtinsel, hatte tolle Freunde, konnte mit dem Fahrrad zum Timmendorfer oder Travemünder Strand fahren und war erfolgreich auf dem Bauingenieurstripp. All das würde ich aufgeben müssen, um in eine Stadt zu ziehen, in der ich gut Theologie würde studieren können. Und je konkreter die Entscheidung dann wurde und je näher sie kam, desto NACHDENKLICHER wurde ich, denn eigentlich wollte ich all das nicht so gerne aufgeben.

NACHDENKLICH
Das junge Paar wartet längere Zeit im Vorzimmer des Standesamtes. Da erhebt sich die Braut und geht ins Zimmer des Standesbeamten. „Müssen wir noch lange warten?“, fragt sie. „Er wird nämlich schon nachdenklich …“

„Wenn die letzte Zeit anbricht,“ sagt Gott, „dann gieße ich über alle Menschen meinen Geist aus … Junge Leute haben Visionen und die Alten prophetische Träume.“(Apostelgeschichte 2,17; vgl. Joel 3,1ff.)

Wer hat DIE LEITUNG?

Wenn man mit dem Geist Gottes Erfahrungen machen will, so scheint es ein entscheidend wichtiges Prinzip zu geben. Ein ehemaliger Geheimdienstoffizier, der irgendwann seinen bisherigen Job an den Nagel hängte, um dann Pastor zu werden, brachte dieses Prinzip mir gegenüber einmal so auf den Punkt: „Wolfram, wenn Du mehr Erfahrungen mit Gott und dem Heiligen Geist machen willst, dann musst Du Dir überlegen, wer die Leitung Deines Lebens haben soll. Denn es kann ja sein, dass Gott Dich Wege führen will, die Du – vorerst vielleicht – nicht unbedingt gehen willst; von denen Du dann vielleicht erst im Rückblick erkennst, dass es gute und wunderbare Wege waren. Bist Du bereit, die Leitung Deines Lebens in Gottes Hand zu legen und ihm zu folgen, wohin er Dich führt?“

HERUMKOMMANDIEREN
„Bremsen, bremsen!“ schreit er. Aber sie gibt Vollgas. Drei Tage später wachen beide im Krankenhaus auf. „Warum hast du denn nicht gebremst?“, lallt er. – „Weil ich mich nicht von dir herumkommandieren lasse!“

Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. (Jesaja 55,8f.)

GROSSE RATLOSIGKEIT

Immer wieder scheint die Bibel von Ereignissen zu berichten, die – wie damals am ersten Pfingsttag – Leute, die sie miterlebten, ratlos ließen: „Erstaunt und ratlos fragten sie einander, was das bedeuten solle.“ (Apostelgeschichte 2,12)
Noch größer scheint die Ratlosigkeit nur noch bei Leuten zu sein, die sich heutzutage solchen Berichten nähern. Viele vertreten die Position, dass schon damals die berichteten Ereignisse „nicht wirklich so“ stattgefunden hatten und Ähnliches auch heute nicht erlebbar sei. In den eher fromm geprägten Kreisen, in denen ich mich vor vielen Jahren auf die Suche nach Erklärungen für solche außergewöhnliche Phänomene machte, erhielt ich fast immer etwa folgende Antwort: „Ja, damals, da war das so. Aber heute gibt es das nicht mehr. Die Zeit der Apostel ist vorbei.“ Diese Antwort schien der Standard unter Leuten zu sein, die sich in eher traditioneller Weise an die Bibel hielten, diese und ähnliche Erfahrungen selbst aber nicht kannten.
Diese Standardantwort änderte sich für mich schlagartig eines Morgens in Ostberlin kurz nach der Wende bei einem Bibelgespräch, als wir über den Bericht vom ersten Pfingstfest redeten. Auf meine Standardfrage: „Warum erleben wir sowas heute nicht mehr?“ antwortete der pensionierte Pfarrer, der das Gespräch leitete, für mich völlig überraschend: „Das ist eine gute Frage. Wer von Euch so etwas auch erfahren will, für den können wir gerne im Anschluss ans Bibelgespräch beten. Und dann werdet Ihr auch anfangen, solche und ähnliche Sachen zu erleben …“
ERLEBEN
Schon seit längerer Zeit ärgert sich der Rabbi darüber, dass viele Gemeindemitglieder die Synagoge ohne Kopfbedeckung betreten. Eines Tages heftet er folgenden Anschlag an den Eingang der Synagoge:

Ein paar Tage später steht darunter gekritzelt:
„Habe beides erlebt – kein Vergleich.“

ETWAS FEHLT

Also, Pfingsten. Was bedeutet das ursprüngliche Pfingstereignis für mich, der ich zwar über zweitausend Jahre später lebe, aber doch von seinen Auswirkungen geprägt bin? Nur: Was soll ich mit biblischen Berichten wie dem folgenden anfangen? „… und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.“ (Apostelgeschichte 2,4)
Es waren Texte und Bemerkungen über BESONDERE PHÄNOMENE wie diese, die ich vor ca. 25 Jahren in einer Liste sammelte mit der Überschrift: „Something is missing“. In dieser Liste trug ich Bibelstellen zusammen, die Erfahrungen des Glaubens mit Wirklichkeitsbereichen schilderten, von denen ich den Eindruck hatte, dass sie uns verloren gegangen waren oder wir sie nicht mehr so einfach nachvollziehen können, weil wir den Zugang zu ihnen nicht mehr haben: Berichte von Heilungen, prophetischer Rede, Kraftwirkungen und Wundertaten, Inspirationsgeschehen, verschiedene Weisen des Geistwirkens usw. usf.
Was fangen wir damit an – zweitausend Jahre später? Ob es irgendwie möglich sein könnte, wieder einen Zugang zu solchen Erfahrungsbereichen zu finden?

FINDEN
Kommt ein Mann in einen Armee-Shop und fragt: „Haben Sie Tarnwesten?“
Antwortet der Verkäufer: „Ja schon, aber wir können sie nicht mehr finden!“

FLEISCH und BLUT, nicht STEIN

Immer wieder begegnet mir im Leben das Phänomen, dass ich gerne etwas Verlässliches, Dauerhaftes und Unveränderliches hätte, worauf ich bauen oder woran ich mich orientieren kann. Auch in der Religion: am besten in Stein gemeißelt, damit ich weiß, woran ich bin, damit die Dinge klar und deutlich, unzweifelhaft und zuverlässig sind.
Aber so ist das Leben nicht, ist selten klar und deutlich, noch seltener fest und unveränderlich, weil sich einfach alles ändert, Menschen geboren werden, sich weiterentwickeln, sterben … Da ist nichts Festes, das für immer bleiben, keine TRADITION, die für immer bestehen könnte. Und wie könnte uns Gott da hilfreich begegnen mit Weisungen, die dauerhaft und unveränderlich zwar, dadurch aber zugleich blut- und lebensleer in Stein gemeißelt sind?

Da war es schon eine gute Idee von Gott, noch einmal einen neuen Anfang zu wagen und uns Menschen mit seinen Weisungen nicht auf Stein- oder Gesetzestafeln, sondern durch unser Herz und unser Gewissen zu begegnen.
„Ich werde ihnen mein Gesetz nicht auf Steintafeln, sondern in Herz und Gewissen schreiben,“ sagt der HERR (Jeremia 31,33). Das macht zwar vieles schwieriger und komplizierter, aber dafür umso lebensnäher und – wie das Leben oft nun mal so ist – spannender. Das Abenteuer hat begonnen …
TRADITIONALISTEN
Wie viele Traditionalisten braucht man, um eine Glühbirne auszutauschen?
Richtige Antwort:
Traditionalisten tauschen keine Glühbirnen aus, weil sie glauben, dass sie nie eine finden werden, die so gut ist wie die alte.

KEINE GEBURTSSTUNDE

Manchmal hat man sich an „alte Wahrheiten“ schon so sehr gewöhnt, dass man gar nicht mehr merkt, wie falsch sie eigentlich sind: So bezeichnet man beispielsweise den Pfingsttag, an dem die Jünger Jesu den Heiligen Geist empfingen, unter Christen gerne als „Geburtsstunde der Kirche“. Dabei muss man sich aber doch einmal klarmachen, dass am Pfingsttag keine neue Religionsgemeinschaft und schon gar keine christliche Kirche gegründet wurde. Denn am ursprünglichen Pfingsttag da waren in Jerusalem als Jünger Jesu allesamt nur Juden versammelt, die dort erlebten, dass sie auf ganz neue Weise vom Geist Gottes erfüllt und belebt wurden. Und durch das Geschenk dieser Erfahrung begründete Gott keine Kirche, sondern erfüllte schlicht und einfach nur eine alte Verheißung: „Ich werde ihnen mein Gesetz nicht auf Steintafeln, sondern in Herz und Gewissen schreiben.“ (Jeremia 31,33b)
Geboren wurde die neue christliche Religion dann weniger durch das Pfingstereignis, sondern – wie bei jeder Geburt – dadurch, dass die „Mutter“ das „Kind“ mit der Zeit nicht mehr in sich (er)tragen wollte, sondern aus sich heraus in die Selbstständigkeit entließ und ihm einen eigenen Namen gab; so auch bei den Juden, die dann als erstes „Christen“ genannt wurden (Apostelgeschichte 11,26).

BEGINN DES LEBENS
Ein katholischer Priester, ein evangelischer Pfarrer und ein jüdischer Rabbiner unterhalten sich über die Frage, wann genau das Leben beginnt.
„Das Kirchenrecht ist da ganz klar: das Leben beginnt selbstverständlich mit der Zeugung“, erklärt der katholische Priester apodiktisch.
„Na ja“, meint der evangelische Pfarrer, „wir sind da etwas toleranter; wir meinen, dass das Leben erst mit der Geburt beginnt.“
Der Rabbiner: „Nun, nach meinen persönlichen Erfahrungen und nach allem, was ich so aus der Gemeinde weiß, beginnt das Leben erst dann, wenn die Kinder aus dem Haus sind und den Hund mitgenommen haben.“

NEUE SCHRITTE WAGEN

Dass man im Leben einen Weg geht oder eine Methode wählt, die sich mit der Zeit als nicht mehr gut genug oder – weil veraltet – nicht mehr als hilfreich erweist, das scheint eine Erfahrung zu sein, die wir immer wieder machen (müssen). Es geht einfach immer nur Schritt für Schritt voran, und manchmal da muss man auch mal ganz NEUE SCHRITTE wagen. Das ist übrigens eine Erfahrung, die nicht nur wir Menschen machen (müssen), sondern die auch Gott immer wieder machen musste. So ging es ihm nämlich auch schon mit seinem Volk Israel: „Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließen will, wird völlig anders sein …“ (Jeremia 31,33a).

Mit dem Prinzip „Schritt für Schritt“, Altes zurückzulassen und sich auf Neues einzulassen, damit kennt sich also Gott bestens aus und kann uns daher auch sehr gut und verständnisvoll begleiten, wenn es uns gerade schwerfällt, neue Schritte zu wagen oder REFORMEN anzugehen.

REFORMEN
Drei Pfarrer prahlen mit ihrer Fortschrittlichkeit bei der Erprobung kirchlicher Reformen.
Der erste: „Stellt euch vor: In unserer Kirche gibt es seit kurzem an jedem Sitzplatz einen Getränkehalter!“
Darauf der zweite: „Nicht schlecht, aber in unserer Kirche gibt es an jedem Sonntag sogar kostenlos für jeden eine Tüte Chips!“
Und der dritte: „Das ist doch alles gar nichts. Bei uns hängt an den Hohen Feiertagen über dem Eingang der Kirche ein Schild mit der Aufschrift: ‚Während der Feiertage geschlossen‘.“
Anm. d. Red.: Dieser Witz stammt noch aus „Vor-Corona-Zeiten“ …

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