(Alltäglicher HUMOR mit einer Prise ERNST des Lebens)
Eine Erfahrung, die wir immer wieder in Vereinen, Kirchengemeinden oder anderen Gemeinschaften machen, verstärkt sich unter bestimmten Umständen noch: Je länger wir mit Menschen nahe zusammenleben, möglicherweise noch dauerhaft unter einem Dach oder in einer kleinen Wohnung, desto mehr fallen uns nicht nur ihre positiven, sondern auch ihre negativen Eigenheiten auf. Und dann dauert es meist nicht lang, bis diese uns nicht nur nerven, sondern auch die erste negative Bemerkung fällt, die dann nicht selten durch eine mindestens genauso negative Rückmeldung erwidert wird. Und eine Abwärtsspirale beginnt sich zu drehen … bis es dann EXPLODIERT … und die Vertrautheit verloren geht … … … oder … … … oder wir eine Pause einlegen, uns besinnen, und vielleicht ein Neuanfang beginnen kann.
DAS GESCHENK DES RABBIS
Es war einmal ein Kloster, in dem nur noch fünf alte Mönche miteinander lebten. In dem dichten Wald um das Kloster stand eine kleine Hütte, die ein Rabbi zeitweise zu Studium und Gebet nutzte. Als die Atmosphäre zwischen den Klosterbrüdern über die Jahre immer negativer und kritischer wurde und der Abt des Klosters sich wieder einmal mit Gedanken über den bevorstehenden Tod seines Ordens quälte, entschied er sich, dem Rabbi einen Besuch abzustatten und ihn um Rat zu fragen. Der Rabbi hieß den Abt in seiner Hütte willkommen. Als die Zeit des Aufbruchs gekommen war, sagte der Abt: »Es ist gut, dass wir uns nach all diesen Jahren kennenlernen. Aber ich habe den eigentlichen Zweck meines Kommens verfehlt. Gibt es nichts, was mein Kloster retten könnte?« – »Es tut mir leid«, sagte der Rabbi. ››Ich kann dir nur sagen, dass der Messias einer von euch ist.«
Bei seiner Rückkehr kamen die Mönche zusammen. ››Was hat er gesagt?« – ››Er sagte nur, dass der Messias einer von uns ist. Ich weiß nicht, was er damit meinte«, berichtete der Abt bedrückt. In den folgenden Tagen, Wochen und Monaten erwogen die Mönche diese Aussage immer wieder und fragten sich, ob die Worte des Rabbis eine Bedeutung für sie hätten. Der Messias ist einer von uns? Meinte er möglicherweise einen der Mönche hier im Kloster? Wenn ja, welchen? Den Abt? Oder Bruder Thomas? Jeder weiß, dass Bruder Thomas ein Heiliger ist. Er meint sicherlich nicht Bruder Elred! Er ist oft so gereizt. Aber, obwohl er manchen ein Dorn im Auge ist, hat er doch so gut wie immer recht und seine Ansichten helfen weiter. Vielleicht meinte der Rabbi doch Bruder Elred. Aber sicherlich nicht Bruder Philip. Er ist so passiv, ein richtiger Niemand. Aber seltsamerweise hat er die Gabe, immer da zu sein, wenn er gebraucht wird. Vielleicht ist Philip der Messias. Natürlich meinte der Rabbi nicht mich. Auf keinen Fall! Ich bin doch nur ein normaler Mensch.
Nach und nach begannen die alten Mönche, sich selbst und die anderen mit außerordentlichem Respekt zu behandeln. Weil der Wald um das Kloster sehr schön war, besuchten Menschen immer noch ab und zu das Kloster. Sie spürten, ohne sich dessen bewusst zu sein, die Aura des Respekts, die die fünf Mönche umgab. Sie kamen immer öfter wieder und brachten ihre Freunde mit, die wiederum ihre Freunde mitbrachten, um ihnen diesen besonderen Ort zu zeigen. Manche der jüngeren Männer kamen mit den alten Mönchen ins Gespräch. Nach einer Weile fragte einer, ob er eintreten könne. Dann noch einer. Und noch einer. So wurde das Kloster, wegen des Geschenks des Rabbis, ein leuchtendes Zentrum des Lichts und der Geistlichkeit in der Gegend.