Kirchen müssten doch der beste Ort sein, wo man Beten lernen können sollte, wenn man es denn wollte. Aber wenn man dann in einem evangelischen Gottesdienst sich anschaut, wie dort gebetet wird, bekommt man den Eindruck, Beten sei etwa Folgendes: Ein Mann (oder eine Frau) mit langem schwarzen Mantel steht da stocksteif mit schwerem Buch in der Hand und liest gut vorbereitete und ausgewählte Worte in manchmal langen Sätzen und schwerverständlichem Kirchendeutsch von einer Textvorlage ab. Wenn Beten aber (einigermaßen normales) Reden mit Gott sein soll, dann müssten die Kirchen das doch auch in ihren Gottesdiensten anders vormachen. Denn wo sollte man sonst noch besser Beten lernen als dort? Oder meint man, dass Gott besser zuhört, wenn man zwar fromm, aber unverständlich auf ihn einredet?

VORBETER
Während einer Andacht betet der Rabbi laut: „O Herr, ich bin ein Nichts, nur ein Staubkorn, das um Gnade fleht. Bitte hilf mir!“
Und der Kantor stimmt ebenfalls ein: „O Herr, ich bin auch ein Nichts, nur ein Staubkorn, das um Gnade fleht. Bitte hilf mir!“
Während die gesamte Gemeinde keinen Laut von sich gibt, ruft aus der letzten Reihe der stadtbekannte Schnorrer: „O Herr, ich bin auch ein Nichts, nur ein Staubkorn, das um Gnade fleht. Bitte hilf auch mir!“
Darauf der Rabbi verärgert zum Kantor: „So eine Frechheit! Heutzutage bildet sich wirklich jeder ein, ein NICHTS zu sein.“

Jesus „Wenn ihr betet, dann tut es nicht wie die Scheinheiligen! Sie beten gern öffentlich in den Synagogen und an den Straßenecken, damit sie von allen gesehen werden.“ (Matthäus 6,5)