„Heilige“ Personen, Orte, Zeiten, Gegenstände. Da gibt es so einiges, auf das man das Prädikat „heilig“ mittlerweile anwendet. Der Einfachheit halber konzentriere ich mich mal auf heilige Personen, denn zumindest da scheint die Sache relativ klar. „Heilige“ Personen oder einfach „Heilige“ sind offenbar solche Menschen, die durch einen außerordentlich frommen, gottwohlgefälligen, ethisch und moralisch untadeligen Lebenswandel auffällig geworden sind; und zwar derart auffällig, dass viele sie so dermaßen für ihre großartige Lebensführung und ihre frommen Leistungen bewundern, dass sie mit der Zeit das Prädikat „heilig“ zugesprochen bekamen – zuerst eher informell, später dann durch formale Heiligsprechungsverfahren der Kirche auch ganz offiziell.
Also kurz: „Heilig“ nennt man die „Heiligen“, weil sie im Feld der Religion großartig gelebt und Großartiges geleistet haben.

Nichts davon trifft allerdings auf die Gruppe von Personen zu, die so ziemlich am Anfang der Bibel und dann fortlaufend in den biblischen Geschichtsbüchern heilig genannt wird: das Volk Israel bzw. die Juden, also die Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs. Von denen sagt nämlich Mose, dass sie heilig sind, obwohl sie weder groß sind noch großartig waren, sondern ganz im Gegenteil:
„Du bist ein heiliges Volk … Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern.“ (5.Mose 7,6f.)
Vergessen wir also, wir bisher über „heilig“ zu wissen meinen. Wir müssen noch einmal ganz von vorne anfangen und darüber nachdenken, was „heilig sein“ eigentlich bedeutet und warum es nichts mit moralischer Großartigkeit oder religiöser Vorbildlichkeit zu tun hat.

HEILIG WERDEN – nicht so leicht
Ein Mann will den großen Heiligen nacheifern und geht daher ins Kloster, um Mönch zu werden. Der Orden, dem er beitritt, ist streng: Nur alle zehn Jahre darf man zwei Wörter sagen.
Nach den ersten zehn Jahren geht er zum Abt und sagt: “Bett hart!”
Zehn Jahre später geht er wieder zum Abt und sagt: “Essen schlecht!”
Nach dreißig Jahren geht er zum Abt und sagt: “Ich gehe!”
Da sagt der Abt: “Das wundert mich nicht! Seit du hier bist, habe ich dich nur rummeckern gehört.”